Im Jahr 2022 veröffentlichten wir 2.000 französische und 2.000 deutsche Exemplare der ersten Auflage unseres Buches „Wie die Polizei verhört und wie wir uns dagegen verteidigen können“. Seitdem hat sich der Inhalt unseres Handbuches weiter verbreitet und viele Formen angenommen, wie zum Beispiel die von uns durchgeführten Workshops, eine „Verhör“-Erweiterung für das Rollenspiel Blade in the Dark sowie Übersetzungen ins Englische und Spanische. Auf Französisch gibt es nun auch eine Neuauflage bei den Éditions du Commun unter dem Titel „Kleines Handbuch zur Selbstverteidigung bei Verhören“ sowie eine Hörbuchversion, einen Radiospot, eine Broschüre zum Selbstausdrucken und Plakate, die die „Sprung in der Platte“-Strategie illustrieren.
Kurz gesagt: Wir haben viel Energie darauf verwendet, unsere Selbstverteidigungsratschläge so weit wie möglich zu verbreiten, damit Anarchist*innen und andere Rebell*innen sich gegen Repression schützen können. Und es geht weiter, denn Übersetzungen ins Arabische, Italienische und Dänische sind in Arbeit, und unsere Tür steht weiter offen für alle, die uns helfen wollen, das Buch zu verbreiten oder andere Formate sowie sprachlich-geografische Gebiete zu erreichen.
Während dieses Abenteuers haben wir drei kuriose Anekdoten gesammelt, die wir öffentlich teilen wollten – und nutzen diese Gelegenheit, um euch noch einmal daran zu erinnern: Schützt euch vor der Polizei; lest unser Buch.
1 – Der Polizist
Im Herbst 2024, während der Besetzung der Universität Neuenburg (Schweiz) in Solidarität mit Palästinas, kommen einigen Personen Zweifel hinsichtlich des seltsamen Verhaltens einer anwesenden Person. Als er damit konfrontiert wird, gibt der Mann zu, ein Zivilpolizist zu sein.
Mehrere Personen vor Ort erkennen ihn daraufhin. Einige Wochen zuvor hatte er ein anarchistischen Ort besucht – die Bibliothèque Libre – aufgesucht, um ein Buch auszuleihen. Nicht irgendein Buch, sondern unser Buch.
Als der Polizist, das Buch zurückbrachte, soll er gesagt haben, er finde es „interessant, aber nicht wirklich nützlich und zu lang”. Macht Sinn. Aus der Sicht eines Polizisten, scheint es wirklich nicht sehr nützlich zu sein, zu lernen, wie man sich gegen die Manipulationen der Polizei wehren kann.
Das war’s schon, ende der Geschichte. Wer weiß, vielleicht handelt unser nächstes Buch von den Versuchen der Polizei, unsere sozialen Bewegungen zu infiltrieren. Wir versprechen, es so kurz wie möglich zu halten. Wir wissen ja, dass Polizist*innen nicht gerne lesen.
2 – Der Neonazi
März 2026 in Frankreich. Geheimdienste erfahren, dass mehrere Neonazis die Ermordung eines anderen Neonazis planen. Die Informationen werden an die Polizei weitergeleitet, die sofort eingreift. „Schade“, mögen manche sagen, während andere die Fälle aufzählen, in denen die Polizei Warnungen vor Anschlags- oder Mordplänen gegen People of Color oder queere Menschen nicht ernst genommen oder ganz einfach ignoriert hat.
Was uns an dieser Geschichte jedenfalls interessiert, ist das, was die Polizei bei einer Durchsuchung der Wohnung eines der Möchtegern-Mörder gefunden hat: ein Handbuch darüber, wie man sich im Umgang mit der Polizei verhalten soll, insbesondere während eines Verhörs1.
Dass rechtsextreme Kreise unser Buch lesen, ist leider nichts Neues. Das PDF des Buches war bereits eine Woche, nachdem wir es online veröffentlicht hatten, im Bereich „Ressourcen“ einer rechtsextremen Website archiviert worden. Wir hoffen mal, dass sie an all den Passagen ersticken, die anarchistische, dekoloniale und queere-feministische Perspektiven hervorheben.
Je nachdem, wie sich die Ermittlung entwickelt, werden wir sehen, ob das Lesen des Buches für sie nützlich war oder nicht. Und falls sie nicht im Gefängnis landen, werden sie ja vieleicht von ihren eigenen Kameraden ermordet. Ist ja bekannt : Wer eine Macho-Kultur der extremen Gewalt säet, erntet Messerstiche in den Rücken.
3 – Der Elefant
Man könnte Krieg als den Moment definieren, in dem Könige, Kaiser, Regierungen und andere mächtige Herrscher die Armen dazu schicken, sich gegenseitig abzuschlachten. Doch dabei würde man die enorme Zahl nichtmenschlicher Tiere übersehen, die von Menschen gewaltsam zwangsrekrutiert wurden und werden. Insbesondere Kriegselefanten. Diese Tiere – die, spoiler alert, vor ihrer Gefangennahme keine Kriegselefanten waren – werden auf eine Weise dressiert, die sicherlich an bestimmte Verhörstrategien erinnert, die in unserem Buch beschrieben werden.
Jedes nur erdenkliche Mittel, das die Gefangenschaft bietet, wird eingesetzt, um den Elefanten psychisch zu brechen. Schlaf- und Futterentzug, die Herbeiführung der Fähigkeit, alltägliche Entscheidungen zu treffen, physische Gewalt, Ungewissheit über die eigene Zukunft und die Dauer dieser Behandlung, soziale Isolation und die Trennung von seiner Familie. Sobald der Elefant als vollständig gebrochen gilt, tritt der Trainer – bekannt als Mahout – in Erscheinung. Der Mahout bringt eine deutliche Verbesserung der Behandlung mit sich und schafft so eine empathische Bindung, die es ihm nach und nach ermöglicht, die Kontrolle über den gefangenen Elefanten zu erlangen und ihn dazu zu bringen, sich dem Willen des Trainers zu unterwerfen.
Es handelt sich genau um denselben Ansatz, den die Polizei bei ihrer „Rettungsring“-Strategie verfolgt – einfach an Menschen angepasst. Auch hier werden die Haftbedingungen genutzt – auf der selbe Art und Weise – um den Willen der eingesperrte Person zu brechen. Dann kommt der*die good cops und für ein Augenblick stoppt die psychische und physische Gewalt. Er*sie bringt mit einem Lächeln ein Glas Wasser oder bietet freundlich an, einen Anruf an Angehörigen zu erlauben und schafft so einen emotionalen Einfluss auf die Inhaftierte Person. Diese lässt sich verpflichtet fühlen und senkt so ihre Abwehr. Die „Rettungsring“-Strategie beginnt.
Im Rahmen des Evasion-Projekts vertreten wir eine anarchistische Analyse der Unterdrückungsdynamiken. Wir glauben, dass diese Dynamiken aufeinander aufbauen und sich gegenseitig verstärken. Autorität, die gegen eine soziale Gruppe eingesetzt wird, wird die Unterdrückung einer anderen sozialen Gruppe ermöglichen und verstärken. Daher die Notwendigkeit, sie auf derselben Grundlage zu bekämpfen: einer Abneigung gegenüber allen Formen von Autorität und Herrschaft, unabhängig davon, gegen wen sie gerichtet sind – ob Mensch oder Tier.
1Artikel «Le guet-apens de néonazis ciblait un militant… d’extrême droite radicale», Mediapart, 22 mars 2026